Der Versuch einer Bilanz der Nationalen Konferenz Elektromobilität der Bundesregierung

Sie haben gerufen und alle, aber auch alle kamen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, flankiert von ihren parlamentarischen Staatssekretären. Kanzlerin Angela Merkel kam mit einem launigen Grußwort. Für viele Akteure ein guter Grund, nach Berlin zu kommen. Auch die Größen der deutschen Autoindustrie gaben sich die Klinke in die Hand, darunter auch Daimler-Chef Dieter Zetsche.

Es wurde also auf hohem, wenn nicht auf höchstem Niveau diskutiert und debattiert. Die Wissenschaft, die Schaufensterprojekte und viele kleinere und größere Initiativen konnten sich präsentieren und standen Rede und Antwort.

Und draußen vor der Tür standen sie dann, die begehrten Elektroautos. Jeder deutsche Autohersteller durfte ein Fahrzeug nach Wahl ausstellen. So kamen dort sechs aktuelle Autos zusammen. VW präsentierte sich mit seinem neuen Hybrid-Passat, Audi mit dem A3 e-Tron, Porsche stellte einen Cayenne Hybrid und BMW einen i8-Hybrid aus. Lediglich Mercedes-Benz zeigte seine aktuelle B-Klasse Electric Drive und Ford war mit dem in Deutschland kaum präsenten Fokus Electric vertreten.

Wie bitte? Zweidrittel der Fahrzeuge waren mehr oder weniger schwache Plug-In-Hybrid-Autos und nur eines, ein realistisch auf den Straßen zu findendes reines Elektroauto? Das war wohl mehr als symbolisch für den Stand der Diskussion und den Elan der Fahrzeugbauer aus Deutschland.

Leitmarkt oder Leidmarkt?

Alle waren sich sicher: wir machen das richtig, wir sind die Besten, wir sind Leitanbieter weltweit und werden sehr bald auch Leitmarkt. Wenn da mal nicht ein Druck- oder Denkfehler vorlag und eigentlich vom „Leidmarkt“ die Rede hätte sein sollen. Die meisten Panelteilnehmer hatten vermutlich selbst keine oder nur ganz geringe eigene Erfahrungen mit Elektromobilität, mit Ladesäulen und mit Reichweiten. Geschweige denn mit dem großen Gespenst, dass permanent über der Konferenz schwebte: Der kalifornische Elektroautobauer Tesla Motors. In jedem Gespräch in den Pausen, alle paar Minuten auf den Straßen rund um das Konferenz-Center. Denn die Teslafahrer hatten sich verabredet, praktisch eine Dauerparade durch Berlin laufen zu lassen. So sehr sich die Bodyguards und die Konferenz-Security auch bemühten die lästige „Konkurrenz“ aus dem Silicon-Valley zu verscheuchen, immer wieder waren die leuchtenden Vorbilder der Elektromobilität auf den Straßen, vor den Augen und in den Köpfen.

Und drinnen in den vielen reichhaltigen Sessions wurde dann lamentiert. Über die gescheiterte Batterieproduktion in Deutschland, die Ladesäulen-Fürstentümer mit ihren dutzenden von Berechtigungssystemen, der Infrastruktur-Diaspora im ländlichen Raum, dem von der Industrie so intensiv vorgetragenen Wunsch nach Sonderabschreibungen aus Steuergeldern, den die Kanzlerin so diplomatisch auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschob. „Ja, wir müssen dringend etwas machen“, „hier ist ein erheblicher Drive im Thema“ und immer wieder die Selbstbeweihräucherung „wir sind ja schon so gut im Thema“.

Und dann schaut man sich die Herren an – denn Frauenthemen scheinen Mobilität und Energie nicht zu sein. Man betrachtet ihre schönen Kleider, die tollen Kostüme, die großen Pfauenfedern. Und plötzlich wird klar: die haben ja gar nichts an, die sind komplett nackt, wie Gott sie schuf. Sie haben, außer in ihren warmen Worten, nichts dabei. Keine Leidenschaft, keine Authentizität, keine Vision, kein Mut. Keine Einigkeit auf internationaler Ebene. Vielmehr mauert man, wo man kann. Man friert, wenn man Tesla denkt und hofft, dass dieses Gespenst der großen schnellen Änderungen doch noch vorbeizieht und das heimelige, kleine Deutschland doch noch verschont.

Von unserem Vorstandsmitglied Stefan Krüger